Mit dem Velo dem Inn entlang


Donnerstag, 13. August 2026

Heute starten wir unsere Inn-Velotour. Mit den bepackten und der gelösten Velo-Tageskarte auf dem Handy begeben wir uns zum Bahnhof und besteigen problemlos den Regio-Express nach Olten. Die Veloplätze sind frei. In Olten warten wir rund 40 Minuten auf den Linth-Aare-Express, da dieser ohne Umstieg bis nach Chur fährt. Seit gestern wissen wir, dass die Albulalinie zwischen Preda und Samedan wegen Unwetterschäden gesperrt ist. Kein Problem im schweizerischen Bahnnetz. Von Landquart fährt ein Zug etwas später durch den Vereinatunnel nach St. Moritz, und den nehmen wir. Auch hier haben wir kein Problem, genügend Veloplätze sind vorhanden. Kurz nach vier Uhr erreichen wir St. Moritz.
Nun gilt es ernst. Die erste Etappe auf dem Fahrrad geht nach Sils. Die meisten Wege sind Naturstrassen. Und da haben wir noch einige Mühe mit dem Schalten. Rechtzeitig mit der Gangschaltung den kleineren Gang zu wählen und gleichzeitig die höhere Leistung vom Elektromotor zu bekommen, schaffen wir nicht auf Anhieb. Zudem sind massenhaft Fussgänger mit und ohne Hunde sowie Velofahrer, ältere und kleine, auf dem Veloweg unterwegs. Wir sind gefordert. Und so passiert es dann, dass wir ein paarmal absteigen und schieben müssen, da der Weg sehr coupiert ist. Aber wir schaffen’s und erreichen unser Ziel lange vor dem Einnachten.
In unserer Unterkunft angekommen, mit aufs Handy gelieferten Anleitungen, geschrieben und videographiert, schätzen wir die Dusche und frische Kleider. Danach geht es zu Fuss ins Zentrum von Sils Maria, wo wir nun gelassen einen feinen Aperitif und anschliessend ein köstliches Znacht geniessen.

 

Freitag, 14. August 2026

Schon vor sechs Uhr sind wir beide wach und bereiten uns auf den ersten vollen Velotag vor. Schon kurz nach sieben haben wir uns ausgecheckt. In einem nahen Café bestellen wir uns je einen köstlichen Cappuccino und ein Gipfeli.
Nun fahren wir bis St. Moritz dieselbe Route wie gestern in umgekehrter Richtung. Und da stellt sich heraus, dass wir von gestern schon einiges gelernt haben bezüglich Gangschaltung und Einstellung der Motorleistung. Zudem sind so früh noch wenige Leute unterwegs.
Die folgende Streckenführung ist recht anspruchsvoll. Viele Anstiege und steile Abfahrten auf Gravel Roads (Schotterstrassen) fordern unsere volle Aufmerksamkeit. Und die Landschaft ist begeisternd schön, so dass wir einfach immer wieder anhalten, staunen und fotografieren müssen. Mittagshalt machen wir auf einer Bank am Wegrand.
Guarda, das Schellen-Ursli-Dorf, das rund 300 m über dem Talboden liegt, hat sich für die eintreffenden Touristen wunderbar herausgeputzt. Ein Blick ins düstere, aber an und für sich spannende Schellen-Ursli-Museum zeigt uns eine Welt, die mit unseren hoch technisierten und digitalisierten Gegenwart wenig Berührungspunkte hat. Hoch oben im darüber liegenden Hang wird das Heu von einer einzigen Person mit einem lauten Laubbläser zusammengerafft.
Nach rund 70 km erreichen wir ca. um halb vier Ardez, wo wir unsere Unterkunft für die Nacht gebucht haben. Beim Nachtessen treffen wir noch ein Paar aus Neuenkirch, mit dem wir nach dem Essen noch etwas zusammensitzen und uns austauschen.


Samstag, 15. August 2026

Nach einem reichhaltigen Frühstück machen wir uns auf den Weg. Der Aufstieg nach Ftan gelingt problemlos, da ein grosses Stück der Strasse vor kurzem mit einem neuen Belag versehen wurde. Die Abfahrt, die sehr steil und mit mehreren Spitzkehren nach Scuol führt, lässt unsere Bremsen „rauchen“. Allerdings schalten wir mehrere Halte ein, um dieses Phänomen zu vermeiden.
In Scuol führt eine hohe Brücke über den Inn. Sie wird von einer grossen Radfahrergruppe blockiert, die mit Hilfe einer Drohne von verschiedenen Seiten die Mitmachenden foto- oder sogar videographiert. Jedenfalls müssen sie jeweils die Arme nach oben recken und dazu johlen. Wir warten ab, bis sie sich alle weiterbewegen.
Als Nächstes müssen wir einen Umweg machen, da zwei Brücken über einen Innzufluss durch Unwetter beschädigt wurden. Die nächsten Abzweigungen wurden nicht markiert, so dass wir uns den Weg bei Passanten erfragen müssen. So gelangen wir wieder auf den offiziellen Radweg.
Nach Martina wechseln sich topp zurechtgemachte Wegstücke, feinstens asphaltiert, mit steilen und engen Feldwegen ab. Eines dieser Wegstücke befahre ich nacheinander mit beiden Velos, während Margrit zu Fuss unterwegs ist. So lässt sich auch dieses Problem lösen.
Plötzlich hören wir während der vorsichtig langsamen Abfahrt hinunter zum Inn Musik. Wir gelangen zu einer alten Holzbrücke mit einem Turm auf der österreichischen Seite des Inn. Wir haben den heute bedeutungslosen Zoll mit dem Namen Altfinstermünz erreicht und wechseln die Seite. Da befindet sich zudem die Klausenschenke, in deren Garten Essen und Trinken serviert wird, und wo ein Trio mit Handorgel, Bassgeige und Gitarre für musikalische Unterhaltung sorgt. Diese Umstände nutzen wir, um eine Pause einzulegen.
Danach fahren wir, nun bei grosser Hitze, zu unserem Etappenziel Ried im Inntal, wo wir uns äusserlich (Dusche) und innerlich (Bier und Schorle) erfrischen können. Bei einer öffentlichen Temperaturanzeige stand immerhin die Angabe 39 Grad Celsius.

Sonntag, 16. August 2026

Schon um halb acht finden wir uns zum Frühstück im Restaurant ein. Ein vielfältiges Buffet steht uns zur Verfügung. Danach machen wir uns startbereit, sind doch heute bei angesagter grosser Hitze rund 70 km zu bewältigen.
Den Radweg finden wir schnell. Nur noch wenige Kilometer sind Schotterstrassen. Aber Steigungen und Gefälle sowie enge Stellen, wo es hie und da zu gefährlichen Begegnungen mit mutigen Velofahrenden kommt, erfordern unsere volle Aufmerksamkeit. Die Berge links und rechts, schmucke Häuser, historische Gebäude, Ruinen und Naturschönheiten beeindrucken uns.
Unseren Mittagshalt machen wir auf einer Bank am Radweg unter Bäumen nach einem steil abfallenden Wegstück. Einige Meter vor uns liegt eine Eisenbahnlinie, die relativ stark befahren ist von Personen- und Güterzügen. Ein Wanderweg, der als Luis Trenker-Weg benannt ist, führt vorbei. Allerdings können wir während unserer Rast keinen einzigen Wanderer beobachten, im Gegsatz zu Radfahrern, die oft in rasendem Tempo vorbeisausen.
Schon kurz nach unserer Kaffeepause in einem Gartenrestaurant bei einem Sportplatz fallen erste Tropfen eines sich nahenden Gewitters. Bei einem Unterstand in einem Föhrenwald finden wir zusammen mit einigen weiteren „Leidensgenossen“ Schutz vor den nun kräftig herniederprasselnden Regentropfen. Da nach rund einer halben Stunde das Gewitter weitergezogen ist, löst sich die Radfahrergesellschaft wieder auf. Und wir beide nehmen die letzen 20 Kilometer bis zu unserem heutigen Etappenziel, Telfs, unter die Räder. Dort angekommen, können wir unsere Velos im Fahrradkeller versorgen und unser vorbestelltes Zimmer beziehen.
Nach dem Duschen und Umziehen begeben wir uns ins Zentrum, gleichen unseren Flüssigkeitsverlust aus und stärken uns mit einem ausgiebigen Nachtessen. Danach ist schon bald Schreibarbeit und Nachtruhe angesagt.

Montag, 17. August 2026

Heute Morgen ist der Himmel schon bei Sonnenaufgang wolkig. Die Prognosen weisen auf Niederschläge hin. Für uns heisst das trotz kurzer Etappe frühzeitig starten. Wir machen uns zügig ans Werk und sind schon bald abfahrbereit. Allerdings begeben wir uns noch zu Fuss ins Zentrum Telfs‘, um in einem Café einen Cappuccino und ein Gipfeli zu geniessen, da wir unser Zimmer ohne Frühstück buchten.
Danach starten wir, während die Wolken am Himmel dichter und dunkler werden. Bei einem kurzen Halt, der der Orientierung auf der Karte dient, ermahnt uns eine ältere Passantin, uns wärmer anzuziehen und den Regenschutz bereitzulegen, da ein Gewitter aufziehe. Und wirklich grollen in der Ferne bereits Donner. Wir erhöhen unser Tempo, während bereits ein paar wenige Tropfen den aufkommenden Regen ankünden. Und so erreichen wir noch vor Mittag unser Ziel, Innsbruck. Beim Hotel angelangt, übergibt uns die Rezeptionistin eine Schlüsselkarte für den Veloraum, wo wir uns umziehen und die Fahrräder abstellen können, da das Zimmer noch nicht freigegeben ist.
Nun zieht es uns in die Altstadt, wo sich massenweise Touristen tummeln und ein grosses Gedränge herrscht. Wir weichen dem Treiben aus und finden in einem hohen Hotelgebäude eine Rooftop-Bar mit wenigen Gästen. Hier löschen wir mal den Durst und geniessen die phänomenale Aussicht auf die Stadt, während es draussen regnet. Als der Regen etwas nachlässt, suchen wir uns ein Lokal, um etwas zu essen. Da wir uns entfernt von den bekannten Sehenswürdigkeiten aufhalten, ist das problemlos möglich.
Nach drei Uhr können wir unser Zimmer beziehen. Danach gehen wir in die Altstadt und besuchen die Sehenswürdigkeiten Innsbrucks. Und die sind wirklich toll, wenn es auch zwischendurch immer wieder regnet. Aber in den Wirtschaften bleibt es trocken.

Dienstag, 18. August 2026

Nachts ist einiges an Niederschlag vom Himmel gefallen. Der Pegel des Inn ist beträchtlich angestiegen und das Wasser trüb und bräunlich geworden. Aber als wir uns nach einem reichhaltigen Frühstück auf die Strasse begeben, hat der Regen nachgelassen und wir können ohne Regenschutz starten. Wir kommen gut voran, Da der Radweg nun bis auf wenige Stellen asphaltiert ist und nur wenige Anstiege aufweist. Hie und da zeigt sich sogar ganz zögerlich die Sonne.
Kurz nach Hall unterqueren wir die Brücke der Brennerbahn, die am linken Ufer von der Ost-West-Verbindung abzweigt und kurz nach der Überquerung des Inns in einem Tunnel verschwindet.
In Wattens beschliessen wir, die Swarovski Kristallwelten, die mir nur vom Namen her bekannt sind, die Margrit aber vom Hörensagen etwas besser kennt, näher zu erkunden. Zeit haben wir genug. Als wir nun aufs Gelände dieser Ausstellung mit verschiedenen täglich im Angebor stehenden Events einfahren, erleben wir einen Massenansturm an Leuten mit Kindern, die an diesen in der Werbung versprochenen magischen Welten teilhaben wollen. Im Gelände stehen zudem mehrere Wagen des wohl weltbekannten Zirkus Roncalli, dessen Artisten zurzeit in der Ausstellung Vorführungen geben. Die Menschenschlange vor dem Tickketschalter wird länger, und wir beschliessen angesichts der Besuchermenge, der uns zur Verfügung stehenden Zeit und des hohen Eintrittspreises von einem Besuch abzusehen, und radeln zum Inn-Radweg zurück.
Nach einiger Zeit beginnt es zu regnen, und wir ziehen unsere Regenjacken an. Unterhalb der Ruine Kropfsberg schalten wir unsere Mittagspause ein. Gleichzeitig macht auch der Regen Pause. Für ein Getränk steht uns der kurz darauf am Radweg vor Brixlegg befindliche Bike Stop zur Verfügung. Und mit der Weiterfahrt setzt auch der Regen wieder ein. Wir sind nun schon nahe am heutigen Etappenziel und sputen uns nun, ins Trockene zu kommen, was uns dann allerdings erst nach ein paar wenigen Irrfahrten gelingt. Aber das Zimmer ist frei, wir können unsere Velos im Bikekeller einschliessen und anschliessend eine warme Dusche geniessen. Den geplanten Ausflug ins Zentrum von Wörgl lassen ihr fallen, bestellen uns ein Glas Wein als Aperitif und studieren die Speisekarte. Heute ist ein Wienerschnitzel mit Preiselbeerkompott und Pommes frites auf meiner Wunschliste. Und das schmeckt!

 

Mittwoch, 19. August 2026

Nachts regnet es immer wieder. Am Morgen ist es grossmehrheitlich grau und kühl. Wir vertrauen der Prognose, die gutes Wetter verheisst. Nach dem Frühstück im Hotel und dem Packen unserer Sachen machen wir uns auf den Weg, kurzärmlig und leicht bekleidet. Wörgl wird uns nicht in bester Erinnerung bleiben.
Schon nach wenigen Kilometern wechsle ich mein Shirt gegen ein langärmliges. Der Radweg ist gradliniger und breiter geworden. Steigungen und Gefälle sind sanfter. Der Inn ist breiter, fliesst langsamer zwischen Dämmen. Staustufen mit Elektrizitätswerken zähmen den Fluss. Da und dort steht der Wasserspiegel im Fluss höher als die Felder auf seinen Seiten. Der Talboden ist breiter. Die Berge links und rechts sind weniger hoch und weniger zerklüftet. Es wird viel Gemüse angebaut.
In Kufstein schalten wir eine Kaffeepause ein, bevor wir unsere Fahrt dem östlichen Ufer entlang fortsetzen. In der Nähe von Erl machen wir Mittagspause. Unterdessen haben sich die schweren, grauen Wolken am Himmel verzogen und die Sonne scheint. Wir verstauen die warmen Kleider wieder. Da können wir am Ufer ein besonderes Phänomen verfolgen. Der Inn führt dank der Niederschläge recht viel Wasser, und dieses ist als Folge der mitgeführten Schwemmstoffe bräunlich-gelb. Unmittelbar am Ufer ist das Wasser aber kristallklar und die mitgeführten Blätter und Holzteile werfen Schatten auf den Grund. Hier beginnt sich das trübe, schneller fliessende Wasser mit dem klaren zu vermischen.
Vor Neubeuren stossen wir rechterhand auf einen Badesee, der von relativ wenigen Leuten genutzt wird. Da es unterdessen recht warm geworden ist und genügend Platz vorhanden ist, beschliessen wir, hier einen weiteren Halt zu machen. Selbstverständlich nutze ich die Gelegenheit für ein erfrischendes Bad, indem ich die Badehose aus den Velotaschen herausklaube und danach ein schönes Stück hinausschwimme.
Schon bald nach diesem Abstecher vom Radprogramm erreichen wir Rosenheim und suchen auf dem Handy den Standort unseres gebuchten Hotels. Leider müssen wir feststellne, dass dieses in einem Aussenquartierder Stadt liegt. Wir finden es schnell, doch liegt es halt etwa abseits. Wir trösten uns damit, dass das Zimmer sehr schön ist und ein ganz toller Biergarten zum Betrieb gehört. Wir setzen uns nach der Dusche in den Schatten und geniessen Trank und Speise echt bayerisch. Die Müdigkeit treibt uns dann schon bald aufs Zimmer.

 

Donnerstag, 20. August 2026

Der heutige Tag hat’s in sich. Wie üblich fahren wir frühzeitig los. Da unsere Unterkunft etwas abseits vom Radweg liegt, müssen wir den erst mal durch den recht intensiven Morgenverkehr in Rosenheim erreichen. Dann geht’s weiter auf dem linken Inndamm. Rechts von uns befindet sich ein breiter Überschwemmungsstreifen mit vielen Weihern und Röhricht. Hie und da können wir Wasservögel wie Stockenten, Graugänse, Haubentaucher, Höckerschwäne und Graureiher erkennen. Das Tempo, das wir einschlagen, ist recht hoch, meistens über 20 km/h. Der Weg ist nicht asphaltiert. Bereiche mit viel Kies lassen unsere Velos manchmal etwas „schwimmen“, was wir mit dem Lenker auskorrigieren müssen. Es braucht hier hohe Konzentration unsererseits. Später folgen wir weitgehend Asphaltstrassen mit wenig Verkehr, aber häufigen Richtunswechseln und Abzweigungen.
So erreichen wir Wasserburg am Inn, ein wunderschönes Tädtchen mit prächtigen  alten, aber gut unterhaltenen Gebäuden und engen Strassen. Leider fahren hier so viele Autos durch diese engen Gassen, dass wir kaum irgendwo unser Velo abstellen und etwas besichtigen können.
Nach Wasserburg stehen beim Einstieg in den Radweg eine Kapelle mit der Überschrift „Nahui in Gott’s Nam“ und eine Hütte mit Gebetsrollen, auf denen Texte verschiedener Religionsgemeinschaften geschrieben sind. Ab hier führt die Route vielfach auf engen, holprigen Single Trails auf und ab durch Wälder. Und die erfordern volle Aufmersamkeir. Zum Glück kommen wir da ungeschoren durch. Margrit meint, das sei wegen der zwei Kerzen, die sie bei der Einstiegskapelle in diesen Weg angezündet habe.
Jedenfalls kommen wir frühzeitig in Kraiburg an. Die Wartezeit bis zum Eintreffen des Hotelbetreibers vertreiben wir uns am Tisch vor einem Restaurant mit einem gespritzten Weissen und einem Bier, die uns ein Angestellter trotz Nachmittagsschliessung serviert. Ansonsten scheint in Kraiburg nichts los zu sein. Ganz wenige Leute lassen sich sehen. Man fühlt sich fast wie im Süden während der Siesta.

Freitag, 21. August 2026

Da wir heute Morgen in der Unterkunft kein Frühstück buchen konnten, führt uns der Weg zuerst in die Dorfbäckerei am Marktplatz. Dort gibt es ein sagenhaftes Sortiment an Brötchen und Spezialitäten. Die Verkäuferin hinter dem Ladentisch erklärt uns stolz, dass sie zusammen mit einer Kollegin all diese Gebäcke selber herstelle. In einer Ecke mit Tisch und Stühlen geniessen wir einen Cappuccino und eine Brezn bzw. ein Croissant. Danach ersteigen wir noch den nahen Schlossberg, um uns einen Überblick über die Geografie des Ortes zu verschaffen. Über eine sehr steile Treppe mit teilweise ausserordentlich hohen Stufen gelangen wir zu einer Kapelle auf der Kuppe, von wo aus wir eine weite Rundsicht haben, da das Wetter gut und der Himmel klar ist. Der Inn wird von dichtem Baumbewuchs weitgehend verdeckt.
Über denselben Weg gelangen wir zurück ins Dorf und machen uns startbereit. Die zweitletzte Etappe unserer Velotour wird gestartet. Allerdings merken wir schon bald, dass wir falsch gefahren sind und kehren um. Dort, wo wir laut unserer Karte hin müssen, fehlen die Wegmarkierungen. Aber mit Nachfragen bei einer Einheimischen und Google Maps schaffen wir den Einstieg und gelangen auf den rechten Weg.
Der Inn verläuft in dieser Gegend stark mäandrierend. So sind wir ebenfalls auf kurvigen Naturwegen unterwegs, oft mit viel Kies bedeckt, ausgewaschen und schmal. Wir werden gefordert, aufmerksam und wach durch die Gegend zu fahren. Es ist dann eine Wohltat, wenn wieder mal ein Wegstück asphaltiert und breit verläuft.
Bei einem Hofladen machen wir Halt. Ich geniesse eine Bauernhofglace, während uns ein grosser Kater um die Beine streicht und unsere Aufmerksamkeit fordert. Beim Badesee Perach machen wir Mittagshalt. Hier wird vom 1. April bis 31. Oktober gewirtet. Ein paar Tische und Bänke stehen unter Bäumen für die Gäste bereit, und an einer überdeckten Theke kann man sich Getränke und einfache Speisen abholen. Viel Betrieb herrscht hier heute nicht, denn der Himmel hat sich überzogen und ist weitgehend wolkenverhangen.
Bei einer kurzen Abfahrt auf kiesigem Weg höre ich plötzlich Margrit „HALT“ rufen. Eine Strebe vom vorderen Schutzblech zum Velorahmen hat sich gelöst. Die Befestigungsschraube hat sich gelöst und ist verloren gegangen. Mit dem Lederbändeli ihrer am Lenker angehängten Glocke können wir die Strebe provisorisch befestigen.
Kurz vor Erreichen des Dorfes Marktl, auf dem Inndamm, müssen wir einen Stop einschalten, da wir laut meinem Velotacho seit Beginn unserer Tour 500 km zurückgelegt haben. Dazu nehmen wir mit meinem Handy ein Selfie auf.
Nun ist es nicht mehr weit nach Simbach, unserem Etappenziel. Allerdings macht uns auf den letzten Kilometern der Gegen- und Seitenwind zu schaffen. Die Fahrt auf dem Inndamm mit Gravelbelag fordert unsere Kräfte. Und wir fahren noch etwas weiter als gefordert, da wir nicht beachten, dass unsere Unterkunft ganz am Rand des Städtchens liegt. So heisst es dann zum Schluss, noch einen längeren Anstieg in umgekehrter Richtung überwinden. Unser Hotel ist volldgitalisiert. An einem Automaten müssen wir uns anmelden, wo das Erfolgserlebnis darin besteht, dass er ein weisse Karte zum Aufschliessen der Zimmertüre ausspuckt. Da kommt man nicht mehr mit Personal in Kontakt.
Das Nachtessen nehmen wir im Restaurant neben dem Hotel unter einem grossflächigen Dach ein, während es stürmt und heftig regnet.

Samstag, 22. August 2026

Am Morgen läuft alles in gewohnter Reihenfolge ab. Das Auschecken ohne Personalkontakt gelingt problemlos und wir starten. Allerdings ist die Route schlecht ausgeschildert oder wir zu wenig aufmerksam. Jedenfalls gelangen wir irgendwo ins Abseits und finden den Weg zur Innbrücke nach Braunau schlecht. Irgendwie gelangen wir dann mit Nachfragen und mit Hilfe des Handys doch noch dorthin.
Braunau statten wir einen kurzen Besuch ab, obschon es historisch als Geburtsstadt Adolf Hitlers eine tragische Hypothek zu tragen hat. Danach geht unsere Fahrt auf österreichischer Seite weiter. Zuerst führt der Weg einem bedeutenden Naturschutzgebiet entlang, wo sich sogar ein Eisvogel knapp über dem Wasser fliegend zeigt. Danach müssen wir einen rechten Umweg weg vom Innufer machen, da hier ein Zufluss in den Inn mündet und keine Brücke vor Ort existiert. In Obernberg wechseln wir die Seite auf den Inndamm. Dieser fast 16 km lange Abschnitt hängt an, da wir zwar rassig vorwärtskommen, aber einfach zwei relativ enge Spuren, getrennt durch einen mit Gras und Kräutern bewachsenen Mittelstreifen, mit relativ steilen Borden auf beiden Seiten unsere volle Aufmerksamkeit beanspruchen. Zum Glück werden wir unterwegs zu einer Pause gezwungen, da es recht kräftig zu regnen beginnt, uns aber eine Autobahnbrücke über den Inn Schutz gewährt, bis der Regen aufhört.
Vor der Brücke hinüber nach Schärding ist eine Umleitung eingerichtet, – laut einem einheimischen Radfahrer, den wir antreffen, schon seit Jahren – die miserabel schlecht beschildert ist und uns einige zusätzliche Kilometer beschert. Schärding, das wir dann doch noch erreichen, ist ein Bijoux von einer Stadt: historische Gebäude, sorgfältig und umfassend restauriert, gepflegt, sauber… Lauter Superlative.
Wo allerdings gespart wurde, das ist am Ausbau des Radweges weiter nach Wernstein. Da gibt es enge Stelle, steile Anstiege und Abfahrten mit Hindernissen. Wir sind beide gefordert und haben zum Glück keine Stürze zu vermelden.
In Wernstein wechseln wir wiederum die Innseite und können nun gemütlich nach Passau hineinfahren, wo wir ohne Probleme unser gebuchtes Hotel finden.
Nach dem Duschen begeben wir uns unmittelbar zum nahen Bahnhof, um im Reisezentrum die Heimreise zu organisieren und zu buchen. Aber oha lätz! Der Schalter ist samstags und sonntags geschlossen. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Heimreise mit Hilfe der App DB-Navigator zu planen. Dank der Erfahrung, die wir damit haben, gelingt es uns innerhalb kurzer Zeit vor Ort, die ideale Reiseroute für zwei Personen und zwei Velos nach St. Margrethen zu finden. Und weil es so einfach geht, lösen wir gerade das Billett. Wir sind sehr gespannt, ob dann die Reise auch so einfach abläuft.
Ein gutes Nachtessen in der belebten Stadt rundet den Tag wunderschön ab.

 

Sonntag, 23. August 2026

Einiges später als die vorherigen Tage gehen wir frühstücken. Im Café Fontanella geniessen wir einen Cappuccino und ein Croissant mit Aprikosenmarmelade. Danach führt uns unser Stadtbummel an der St. Paul Kirche und am Dom vorbei zur Anlegestelle der Donauschiffe. An einem Kassenschalter erkundigen wir uns bezüglich Schifffahrten. Da bekommen wir die Antwort, dass in zehn Minuten ab Landebrücke 8 eine zweistündige Fahrt donauabwärts starte. Wir beeilen uns und kaufen uns vor Ort zwei Tickets. Auf dem Oberdeck des Kristallschiffes können wir bei prächtigem Sonnenschein Platz nehmen und eine gemütliche Fahrt bis nach Kasten und zurück geniessen, während über die Lautsprecher die Sehens- und Merkwürdigkeiten der durchfahrenen Orte erläutert werden. Wirklichkeit und Sagenhaftes kommt dabei zu Tage.
Danach bummeln wir der Donau entlang zum Rathaus, wo die Höchstwasserstäne der Donau in den letzten Jahrhunderten am Turm markiert sind. Da wir im Jahr 2002 schon hier waren und nach unserer Weiterfahrt ein solches Ereignis eintrat, nimmt es uns Wunder, ob auch dieser Hochstand markiert wurde. Die entsprechende Marke ist am Turm angebracht.
Am Dreiflüsseeck, wo wir uns damals fotografieren liessen, lassen wir uns von einem Passanten erneut ablichten. Unser Weg führt uns danach dem Inn entlang zum Schaiblingsturm, in dessen Nähe wir ein Beizli mit Terrasse auf den Inn hinaus finden. Da setzen wir uns hin, lasen uns eine Weissweischorle und ein Panino servieren und schauen Kanuten zu, die im Inn das Kentern und das anschliessende Wiederaufrichten üben.
Auf dem Rückweg zum Hotel statten wir dem prachtvollen St. Stephansdom noch einen Besuch ab. Die Orgel, die gerade restauriert wird, ist die grösste dieser Art auf der Welt. Leider findet das nächste Konzert darauf erst morgen Montag statt, wenn wir schon auf der Heimreise sind.
Nun geniessen wir im Hotelzimmer noch etwas die Ruhe, bevor wir dann in der Stadt etwas essen gehen. Nicht nur Velofahren macht schlapp, auch Bummein und sich verschiedene Dinge ansehen ermüdet.

 

Montag, 24. August 2026

Schon bald werden wir zuhause sein. Bahnfahren mit Velos ist einiges stressiger als Velofahren.

Der Morgen beginnt gemütlich. Nachdem wir in unserem Zimmer alles verpackt und bereitgestellt haben, spazieren wir zu einer nahen Bäckerei mit Café, bestellen uns einen Cappuccino und ein Croissant und geniessen in aller Ruhe unser Zmorge an einem Tischchen. Danach begeben wir uns an die Donau, vorbei am Rotel Inn, das wir natürlich fotografieren, haben wir doch in diesem legendären Billighotel vor Jahren mal geschlafen. Was uns auffällt, ist die Tatsache, dass das Wasser der Donau sehr klar ist, im Gegensatz zum Inn, der bräunlich und trüb daher fliesst.
Am Donauufer legen gerade zwei Hotelschiffe an. Mit der Passagierin eines dieser Schiffe kommen wir kurz ins Gespräch. Ihre Flusskreuzfahrt ist zu Ende, und sie reist jetzt zurück in ihre Heimat, England. Unser Spaziergang führt uns zum Dom, der auf einer Anhöhe steht. Hier oben schauen wir uns nochmals den Inn an. Durch enge Gässchen und breite Neubaustrassen erreichen wir unser Hotel. Und davon heisst es jetzt Abschied nehmen.

Mit den vollbepackten Velos begeben wir uns auf den Bahnsteig, von wo unser Zug abfährt. Da wird uns schon wind und weh, denn wir sind bei weitem nicht die einzigen Radfahrer, die diesen Zug besteigen wollen. Und hier treffen wir einen Schweizer, der vom Schwarzwald her der Donau bis nach Passau gefolgt ist. Ihm können wir etwas behilflich sein beim Planen seiner Reise auf dem Handy, dafür revanchiert er sich beim Einladen unserer schweren E-Bikes. Denn diese Züge sind nicht, wie wir es uns vorgestellt haben, schön mit Niederflurwagen bestückt, wir müssen teils die Velos hochstemmen, und dafür müssen wir die Sagoschen und den Rucksack abschnallen. Aber das Schöne dabei ist die Tatsache, dass es viele junge Leute gibt, die spontan helfen und besorgt sind, dass wir’s jeweils schaffen. Auf diese Weise sind es, bis wir zuhause sind, sieben Umstiege, und jeder hat seine Tücken. Gute 12 Stunden sind wir unterwegs mit verschiedenen Zügen. Und Glück haben wir zudem, weil uns ein Sicherheitsangestellter der deutschen Bahn in München, als wir gerade noch das Schlusslicht des abfahrenden Zugs nach Lindau sehen können, den Tipp gibt, mit einem anderen Zug nach Buchloe zu fahren und dort nach Lindau umzusteigen. Wir befolgen den Tipp mit Erfolg. Ohne Zeitverlust kommen wir als Folge in Sempach Neuenkirch an.
Um etwa halb zehn sind wir daheim, glücklich auf tolle Erlebnisse und Begegnungen zurückblicken zu dürfen. Etwas über 600 km haben wir mit dem Velo in zehn Tagen zurückgelegt, zu einem recht grossen Teil auf Wegen ohne Asphalt- oder Betonbelag. Einige Abschnitte waren eng und steil, andere dafür schön eben und breit. Uns hat diese Reise sehr gut gefallen, aber eines nehmen wir uns vor:
Nie mehr steigen wir mit dem Velo in einen Eisenbahnwagen ohne Niederflurzugang!

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